Absolventenrede Peer Rosenthal (REDEMANUSKRIPT)
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Absolventinnen und Absolventen!
Ich freue mich sehr, heute die Absolventenrede auf dieser Feier des Absolventenjahrgangs 2005 der Hochschule Bremen halten zu dürfen. Denn schließlich ist heute ein Tag der Freude. Freude darüber, einen bestimmten Lebensabschnitt erfolgreich zu Ende gebracht zu haben.
Dies ist zweifelsohne eine Leistung, und gerade die Absolventinnen und Absolventen eines neuen Studiengangs wie es das Politikmanagement war, werden dieses Gefühl besonders nachvollziehen können. Gerade neue Studiengänge sind mit gewissen Unwägbarkeiten verbunden. An dieser Stelle möchte ich nur an unsere Einführungsveranstaltung im Jahre 2001 erinnern. Dort hieß es, wir müssten uns auf ein Dasein als Versuchskaninchen einstellen – im positiven wie im negativen Sinne. Und diese Ambivalenz hat die letzten vier Jahre durchzogen, wobei aber glücklicherweise die positiven Elemente überwogen. Einerseits hatten wir so natürlich die Chance zur Mitgestaltung, andererseits sind wir aber auch immer wieder an Grenzen gestoßen, deren Überwindung Kraft und Energie gekostet haben.
Zu der Freude an solch einem Tag wird sich bei jedem aber auch Dankbarkeit gesellen. Vor allem Dankbarkeit gegenüber Menschen, die auf diesem Weg eine Hilfe gewesen sind. Dazu werden in den meisten Fällen die Eltern zählen, Freundinnen und Freunde aber natürlich auch Hochschulangestellte. Und damit meine ich nicht nur Professorinnen und Professoren, sondern auch Lehrbeauftragte, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Mittelbaus und der Verwaltung.
Allen, die wissen dass sie gemeint sind ohne sie hier namentlich nennen zu können von ganzem Herzen: „Vielen Dank!“
Bei manchen wird diese Dankbarkeit auch auf Institutionen gerichtet sein. Nicht wenigen wird zum Beispiel das Bafög-Amt die Studienzeit ermöglicht haben. Dass es solche Hilfen gibt, ist richtig und wichtig. Für die Zukunft hoffe ich, dass solche Unterstützungsangebote weiter bestehen bleiben, und damit noch mehr junge Menschen zur Aufnahme eines nicht selbstverständlichen Studiums motiviert werden.
Und so möchte ich letztlich dafür danken, die Möglichkeit des Studierens überhaupt gehabt zu haben.
In der Rückschau werden alle ihre persönlichen Erinnerungen an die Zeit in Bremen, an die Hochschule, ihren Fachbereich und ihre Mitstudierenden haben. Ich habe lange überlegt, ob und wenn ja wie solche Erinnerungen für eine Abschlussrede generalisierbar gemacht werden könnten. Ich bin zu dem Schluss gekommen: gar nicht.
Viele Studierende, viele Studiengänge, viele unterschiedliche Ziele für das Auslandssemester – dieser Erfahrungsschatz ist jeder Absolventin und jedem Absolventen exklusiv vorbehalten und glücklicherweise höchst individuell. Glücklicherweise deshalb, weil aus dieser Differenz unterschiedliche Erfahrungen hervorgegangen sind. Diesen individuellen Erfahrungsschatz teilen zu können, sich über ganz unterschiedliche Erlebnisse austauschen zu können, war mit Sicherheit eines der positiven Begleiterscheinungen unseres Studiums. Solche Gespräche sind mir persönlich sehr wichtig gewesen und den Raum für einen Austausch mit so vielen unterschiedlichen Menschen werde ich vermissen.
Manchmal sind aus diesem Miteinander Freundschaften erwachsen, oder eben auch herzliche Differenzen. Nichts desto weniger werde ich auch diese vermissen, denn nur selten ist es als Folge dieser Differenzen zu persönlichen Verunglimpfungen gekommen.
Und auch wenn jede Absolventin und jeder Absolvent ihren und seinen ganz eigenen Blick auf die zurückliegenden Jahre haben wird, so wünsche ich doch allen, dass sie mein persönliches Resümee in dieser Hinsicht teilen können. Ich nämlich kann sagen, dass sich mein Blick freundlich gestimmt zurück richtet – aber auch sehr gespannt nach vorn, denn...
Denn der heutige Tag ist natürlich nicht nur ein Tag der Freude, der Dankbarkeit und der Rückschau. Nein, an solchen Tage reichen die Gedanken natürlich über das Hier und Jetzt hinaus. Sie treffen auf eine Zeit, in der die eigene Lebensplanung immer mehr in die Hände jedes Einzelnen gelegt wird. Diese fortschreitende Individualisierung gepaart mit der politischen Forderung nach mehr Eigenverantwortung führt dazu, dass der persönliche Lebensweg auch immer mehr von Anpassung und Glück geprägt ist.
Diese Umstände als Herausforderung zu begreifen, sie in ihrem Sinne zu organisieren und möglichst viele selbstbestimmte Entscheidungen zu treffen: das wünsche ich an diesem heutigen Abend allen Absolventinnen und Absolventen. Andererseits wünsche ich mir, dass in diesem Prozess nicht der Blick aufs Ganze verloren gehen möge.
Ich wünsche mir, dass wir den Mut und die Fähigkeit besitzen werden, durch kollektive Anstrengungen das bestehende Maß der Fremdbestimmung gemeinsam in reale Selbstbestimmungsmöglichkeiten umzuwandeln. Denn es geht darum, - um es soziologisch-essayistisch zu sagen - wie wir als „Kinder der Freiheit“ uns selbst und andere in die Lage versetzen werden, die Möglichkeiten der Freiheit in einer selbstbestimmenden Verbindlichkeit wahrnehmen zu können.
Mit anderen Worten: Ich hoffe auf ein glückliches Leben, in dem es nicht nur auf die glückliche Fügung, also das Schicksal ankommt.
Ich danke Ihnen.